Kreative Frauen

Filigrane Handwerkskunst

 

Im Archiv des Pflaumheimer Geschichtsvereins entstehen aus Fäden filigrane Spitzenwerke. Ein leises, vielstimmiges Klappern erfüllt den Archivraum im Haus der Vereine. Obwohl sechs gesellige Damen zusammensitzen, ist kein Wort zu hören. Konzentrierte Stille erfüllt den Raum. Es ist Samstagnachmittag, draußen ist schönstes Wetter und die Damen sitzen vor einer gepolsterten Rolle oder einem flachen Kissen.

 


Konzentrierte Aktion: Marianne Rollmann und Christa Behl beim Klöppeln.

 

Darauf ist ein Muster gesteckt, Nadeln und Fäden hängen daran und unten baumeln kleine, garnumwickelte Holzstäbchen, Klöppel genannt. Diese Klöppel werden in gleichmäßiger Folge hochgenommen, gekreuzt, gedreht oder verknotet - und dann bis zu ihrem nächsten Einsatz zurückgehängt. Höchst filigran und kompliziert wirkt das Ganze. Doch scheinen die Damen der Ploimer Klöppelgruppe genau zu wissen, welcher Faden wann wohin kommt. Angewiesen werden sie vom Klöppelbrief, so heißt das Muster, das auf den Kissen steckt. Wenn es mal nicht weitergeht, helfen sie sich gegenseitig. Aber die Damen wissen, was sie wollen: Klöppeln.

Dem Geschichtsverein angeschlossen

»Wir alle sind mit dem Klöppelvirus infiziert!«, gesteht Marianne Rollmann. Die 54-jährige Pflaumheimerin ist die Leiterin der Gruppe, die sich am 8. Mai 2010 gegründet hat. Zunächst haben sie sich in ihrer Wohnung getroffen, später hat sich die Gruppe dem Geschichtsverein Pflaumheim angeschlossen und konnte mit in das "Haus der Vereine" einziehen.

Filigranes Handwerk aus Italien

Keine der Frauen klöppelt schon länger als drei Jahre. Fast alle haben bei Volkshochschulkursen ihre ersten Versuche gemacht. »Es ist ein entspannendes Hobby, das einen völlig einnimmt«, sagt Margaretha Rollmann. Christa Behl hat sich an einen Hut gewagt. Vor ihr aufgespannt liegt die Krempe. Sie wächst jeden Tag fünf Zentimeter, erklärt die Großostheimerin.

 

Verknotungsgefahr gebannt: Ursula Ott (links) ist noch nicht lange dabei. Marianne Rollmann zeigt ihr, wie es weiter geht. 


Ursula Ott ist ganz neu dabei, sie beginnt mit einer Borte für ein Lesezeichen mit einfachem Muster. Neben ihr sitzt die mit 75 Jahren älteste Klöpplerin der Gruppe: Wilfriede Humann aus Stockstadt. Sie hilft Ott über die üblichen Startschwierigkeiten hinweg. Die meisten haben eine Mappe vor sich liegen, darin bewahren sie ihre Klöppelarbeiten auf. »So können wir sie beim Schauklöppeln oder Ausstellungen besser präsentieren, ohne dass die schmutzempfindlichen Garngebilde Schaden nehmen«, erklärt Doris Stein aus Hösbach. Immerhin beleben die sechs Damen ein altes Kunsthandwerk aus dem 16. Jahrhundert. Vor allem die Kleidung der Hochadeligen und Reichen wurden damals mit Spitze verziert. Ursprünglich kommt das filigrane Handwerk aus Italien, weiß Ingrid Himmelheber aus Groß-Umstadt zu berichten. Angeblich sollen die Franzosen italienische Klöpplerinnen entführt haben, damit sie den Reichen Spitze an die Kleidung klöppeln. Heute sind Klöppelarbeiten unbezahlbar. Viel zu lange dauert es, bis ein Stück Borte, eine Hutkrempe oder ein Deckchen fertig gestellt sind. Bis zu acht Stunden sitzen die Damen täglich am Klöppelkissen - natürlich nur aus Liebhaberei und Spaß an der Sache, betont Rollmann. »Ich kann nichts verkaufen. An Leute, die ich sehr mag und die die Klöppelarbeit schätzen, verschenke ich das ein oder andere Teil.« Dass man mit Klöppeln auch moderne Kunstwerke fertigen kann, beweist Angelika Schmidt aus Kahl, die an diesem Tag zu Gast ist. Als sie ihr modernes Werk auf einem Schiebkissen präsentiert, stehen schnell alle im Kreis drum herum. Eine Weste soll es werden, sagt die erfahrene Klöpplerin. Alles, auch das Muster, ist selbst entworfen. Die Schläge sind einfach gehalten, dafür beeindrucken die verschiedenen Garne. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein, feine dicke, grobe und raue, weiche Garne wechseln sich ab. Alles wird optisch zusammengehalten durch die Farbgebung ins Gelbliche. Schmidt fertigt die Weste im Rahmen des Workshops »Spitzenkleidung«, ein dreijähriges Projekt des deutschen Klöppelverbandes. »Man kann auch mit Draht oder Rinde klöppeln, das gibt ganz besondere Effekte und sieht ganz anders aus als die traditionelle Spitzenborte«, erklärt sie den staunenden Damen.

Mehrere Stücke gleichzeitig

Wenn man bedenkt, dass Klöpplerinnen mit bis zu 156 Klöppeln mit dazugehörigen Fäden arbeiten, ist die Verknotungsgefahr allgegenwärtig. Es passiert immer mal wieder, dass die eine oder andere nicht weiterkommt. Dafür haben die findigen Damen zwei Lösungen. »Wir fangen immer mehrere Stücke gleichzeitig an, wenn man bei einem nicht mehr weiter weiß, dann kann man es weglegen und erst einmal etwas anderes machen.« Oft fällt es mit ein wenig Abstand viel leichter, den Faden wieder zu finden. Geht es auch nach langer Pause nicht, nutzen die Frauen ihre monatlichen Treffen, um sich über Schwierigkeiten hinwegzuhelfen. »Eine weiß immer eine Lösung«, sind sie sich einig. So kommen sie gemeinsam weiter und haben Spaß bei der Arbeit, denn »Klöppeln verbindet nicht nur Fäden, sondern auch Menschen«, findet Marianne Rollmann.

 

Text und Bilder: Petra Kriechel, bearbeitet von Herbert Rachor

 

 
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