Ewald Demuth

„Fast um den ganzen Erdball gereist"

 

Der Geschichtsverein Pflaum­heim hat in seiner Jahresgabe für das Jahr 2014 einen interessanten Bericht über ein kaum noch bekanntes Personenschicksal veröffentlicht, das am Rande doch auch mit der großen Weltpolitik zusammenhing: Es ist die Auswanderung des damals 17-jährigen Schneiders Ewald Demuth nach Amerika im April 1939 und seine siebenwöchige Heimreise Anfang des Jahres 1941, "fast um den "ganzen Erdball". "Statt Internierung in Amerika - in russische Kriegs­gefangenschaft", heißt es in der Jahresgabe. Damit wäre die Tragik des jungen Lebens von Ewald De­muth schon gleich beschrieben. Ewald Demuth, ge­boren am 15. Juli 1923 in der Familie von Fritz und Marie Demuth, in der Weidigstraße l, die ursprüng­lich in Ploume einfach "Demutsstraße" genannt wur­de, weil damals nur die drei Geschwister Demuth mit ihren Familien dort wohnten. 

Als Stift in der Schneiderei bei Meister Friedrich Stegmann gerade ausgelernt, da juckte ihn das Fern­weh und die "unbegrenzten Möglichkeiten in Ameri­ka" und so wagte er den Schritt über den großen Teich. Das war damals noch eine vierwöchige Reise mit dem Schiff. Aber so ganz leichtsinnig war seine Auswanderung nach Amerika doch auch nicht. Ewald hatte nämlich in Amerika seinen Onkel Josef und seine Tante Babette Grimm. Beide waren Pflaumheimer und haben sich erst in den USA näher kennen gelernt und geheiratet. Sie wohnten in Canton im Staate Pennsylvania. Die Tante Babette war eine geborene Raab und die Schwester seiner Mutter Marie.

Schon bevor Deutschland am 11. Dezember 1941 Amerika den Krieg erklärte, war das Verhältnis zu Hitler-Deutschland gespannt. So war es für den jun­gen Deutschen Ewald Demuth kaum möglich in Amerika eine Arbeitsstelle zu finden, wie die Aschaffenburger Zeitung in ihrer Wochenendausgabe vom 15./16. März 1941 in einem Artikel über die Heimreise von Ewald Demuth aus den USA "fast um den ganzen Erdball" berichtete. "Selbst den Besuch einer Schule zur Erlernung der englischen Sprache verweigerte man dem Jungen", heißt es dort. Auch heißt es weiter, dass Ewald Demuth in Amerika eine Internierung befürchtete und deshalb beschlossen habe, heimzufahren.

Am 2. Januar 1941 begab er sich dann auf die Rückreise. Nach dreitägiger Omnibus­fahrt quer durch die Vereinigten Staaten, bestieg er in San Francisco ein japanisches Schiff und landete glücklich in Tokio. Eini­ge Tage später fuhr er mit der Transsibiri­schen Eisenbahn über Moskau nach Berlin, von wo er nach siebenwöchiger Reise seine besorgten Eltern in Pflaumheim verständi­gen konnte.

In Deutschland wurde er mit seinem Ge­burtsjahrgang noch im selben Jahr gemustert und kam an die Front im Osten. Er war 1942/43 bei den Kämpfen um Stalingrad da­bei, wo er auch in russische Kriegsgefan­genschaft geriet, aus der er erst am 9. De­zember 1949 entlassen worden ist. Ob der Zweite Weltkrieg in Russland und die russischen Gefangenschaft angenehmer waren, als die mögliche Internierung in Amerika? Das ist die Frage, die Ewald De­muth nur selbst beantworten könnte. Er ist aber am 2. August 1999 im Alter von 76 Jahren verstorben.

 

Musterung 1941

 

Alois Ostheimer, Adam Hock, Otto Hock, Otto Schuler, August Loy, Karl Sauer, Egon Rollmann

Emil Rollmann, Peter Zahn, Otmar Schadt, Edgar Peter, August Stegmann, Josef Reinhard

Otmar Weiß, Ewald Demuth, Gosbert Rachor, Gustav Raab

 

Bei der Recherche um das damals dörfliche Ereignis, es sind seitdem immerhin mehr als 70 Jahre vergangen, kam die Familie nach langem Suchen - "weil noch etwas da sein müsste"- unter anderem auf den undatierten Zei­tungsausschnitt, dessen Erscheinungstag am Wo­chenende vom 15./16. März 1941 über das Zeitungs­archiv des Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg er­mittelt werden konnte. Darüber hinaus war der Reisepass (ausgestellt vom Landratsamt Obernburg am 28. Februar 1939) mit vielen Stempeln und Einträgen noch da. Dabei waren auch Schriftstücke und zahl­reiche Nachweise und Quittungen, beispielsweise über Logis in Japan, Russland und Berlin sowie seine Entlassungspapiere aus russischer Kriegsgefangen­schaft vom 9. Dezember 1949, und nicht zuletzt auch der Bescheid der Haupt(spruch)kammer Nürnberg vom 30. Januar 1950, in dem er als "nicht betroffen" eingestuft wird.

 

 

 

 

 

 

Text: Lothar Rollmann

Bilder: Lothar Rollmann (2), Herbert Rachor (1)

Bearbeitet: Herbert Rachor

 
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