Goldene Hochzeit

 

Die Gickel zum Krähen gereizt

 

Die Tageszeitung brachte ein Bericht von Lothar Rollmann am 18. Februar 1959 über das damals seltene Ereignis einer „Goldenen Hochzeit“. Der Original-Text hatte folgenden Wortlaut:


Auf 50 Jahre, ein mit Freuden und Leid ausgefülltes Eheleben können der 78jährige Schneidermeister Albert Rachor und seine 75 jährige Ehefrau Anna geb. Hock zurück blicken. Dieses so seltene Fest der goldenen Hochzeit beginnt das Jubelpaar zusammen mit seinen Angehörigen mit einem Dankgottesdienst in der Pfarrkirche, in deren Vorgängerin sie vor 50 Jahren ihren gemeinsamen Lebensweg begannen. Den kirchlichen Segen spendete damals Kaplan Nöth, der von Großostheim aus die Filialgemeinde Pflaumheim betreute.

 

Von den vier Buben und drei Mädchen, denen sie das Leben schenkten, mussten sie zwei Söhne auf den Schlachtfeldern des zweiten Weltkriegs lassen.  Der Ältere blieb als dritter Pflaumheimer Kriegstode in Rußland und der Jüngere, gerade mal neunzehn Jahre alt, musste wohl das gleiche Schicksal erleiden, von ihm fehlt jedoch bis heute (2017) jegliche amtliche Todeserklärung. Diese beiden Schicksalsschläge lassen alle anderen Sorgen und Nöte dieses langen Ehelebens klein erscheinen.

 

Im ersten Weltkrieg war der Jubilar selbst von 1915 bis Kriegsschluss im Dienste des Vaterlands. Rund 40 Jahre betrieb Schneidermeister Albert Rachor eine Maß- und Großstückschneiderei und hat dabei einer stattlichen Anzahl junger Leute, darunter auch seinen Söhnen, die ersten Kenntnisse dieses Berufes gelehrt. Später als seine Söhne selbstständig schneiderten, schaffte er sich ein paar Kühe an und bewirtschaftete seine Äcker. Von 1933 bis zu seinem Rücktritt zwei Jahre später war Schneidermeister Rachor erster Bürgermeister von Pflaumheim.

 

Das Lebensbild des Jubelpaares wäre unvollständig, wollte man nicht die Liebe des Jubilars zum Gesang erwähnen. Im ganzen Bachgau und auch sonst wo ist er dieser halb bekannt. Freilich nennt man ihn da nicht Albert, sondern seit Jahr und Tag einfach „Bättsche“, von seinem bürgerlichen Namen offenbar wegen seiner schmalen Figur abgeleitet. Nicht nur in Pflaumheim ist das „Bättsche“ mit seinen Sangesfreunden ein Begriff. Wer kennt sie nicht: den Dehmuths Fritz und den inzwischen verstobenen „Schmitts-Jokobs Willi“ Willi Hock. Manch einer hat sich hie und da hinzu gesellt, aber das genannte Trio gehörte zusammen. Keine Schlager, sondern alte Volkslieder gehörten zum reichhaltigen Repertoire. Waren die drei auswärts, dann waren die Wirtschaften im Nu gefüllt. Ab und zu hatte das „Bättsche“ seine Gitarre dabei, die eine besondere Vorrichtung zum Anbringen einer Mundharmonika hatte, und dann ging’s los!

 

Der Schalk sitzt dem „Bättsche“ manchmal faustdick hinter den Ohren: so machte er sich einen Spaß daraus, wenn er morgens in aller Herrgottsfrühe oder zu Mitternacht vom Singen nach Hause kam, durch sein Krähen die „Gickel“ der Nachbarschaft munter zu machen. Hörte er sie dann aus allen Richtungen frisch drauflos krähen, legte er sich schmunzelnd und zufrieden ins Bett. „Ja ja, des Bättsche mescht a heit noch gern soi Dättsche“ sagt Frau Rachor im Verlauf der Unterhaltung.

 

 

Die original Ploimer Wirtshaussänger: Willi Hock, Albert Rachor, Fritz Dehmuth

 

Die Nachfolger der original Ploimer Wirtshaussänger waren die Söhne vom Bättsche, Robert und Adolf mit ihrem Cousin Erhard Rachor und den Kollegen aus der Ploimer Sängervereinigung, Karl Zahn, Alfons Hock, Ernst Schuler und dem früh verstorbenen "Schulerbäcker's Karl" Karl Schuler. So wie früher das Bätsche mit seinen beiden Mitstreitern waren die sieben Sänger mit ihren Liedern unterhaltsame und gern gesehene Gäste in den Wirtshäusern in Pflaumheim und der Umgebung.

Heute ist der Neffe vom „Bättsche“ Adolf Rachor in die Fußstapfen der „Alten“ getreten und unterhält mit seinen Postsängern bei vielen Auftritten mit den alten Volksliedern und auch mit Eigenkompositionen ein begeistertes Publikum.

 

Text: Lothar Rollmann, Herbert Rachor

Bilder: Privatbesitz Lothar Rollmann (1), Herbert Rachor (2)

 
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